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Wege aus dem Präventionsdilemma

Mit sechs Thesen zu wirksamerer Gesundheitsförderung für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche richtet sich die Plattform Ernährung und Bewegung (peb) an Akteurinnen und Akteure aus Politik und Praxis. Hier ein kurzer Überblick.

Zum Thema Ernährung Bewegung Für die Zielgruppe Kinder und Jugendliche

Zwei Pfeile einmal Richtung "Arm" einmal Richtung "Reich" davor Schuhspitzen
Mit sechs Thesen zur Überwindung des Präventionsdilemmas bei Gesundheitsprojekten für sozial benachteiligte Kinder und Jugendlichen will die peb neue Wege aufzeigen. Bild: Marco2811/stock.adobe.com

Die meisten Projekte und Programme zur Prävention von Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen erreichen vornehmlich Familien aus der sozialen Mittel- und Oberschicht, die bereits ausreichend motiviert sind und entsprechende Kompetenzen besitzen. Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien, bei denen der Anteil Übergewichtiger mit über 20 Prozent besonders hoch ist, sind also von vielen Präventionsmaßnahmen von vorherein ausgeschlossen. Sie profitieren hiervon nicht, und das, obwohl ihr Bedarf besonders hoch wäre. Dieses sogenannte Präventionsdilemma vergrößert die Kluft zwischen den unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen.

Die Plattform Ernährung und Bewegung e.V. (peb) hat anlässlich ihres Kongresses „Abgehängt im Präventionsdilemma? Wie kann die Übergewichtsprävention für Kinder und Jugendliche aus Familien mit niedrigem sozio-ökonomischen Status besser gelingen?“ Ende Februar 2021 sechs Thesen vorgestellt und diskutiert. Ziel ist es, mit gezielten Maßnahmen, der richtigen Ausstattung und einer wirksamen Ansprache ohne Diskriminierung und Schuldzuweisung besonders gefährdete gesellschaftliche Gruppen besser zu erreichen.

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Hier die 6 Thesen der peb zur Überwindung des Präventionsdilemmas im Original zum Herunterladen.

1. Die Selbstwirksamkeit von Eltern, Kindern und Jugendlichen mit niedrigem sozio-ökonomischen Status muss gestärkt werden

Selbstwirksamkeit ist die Überzeugung und Fähigkeit, durch eigenes Handeln Probleme selbstständig meistern zu können. Angebote der Gesundheitsförderung – etwa zur Ernährungsbildung oder Bewegungsförderung – sollten das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten stärken. Wichtig ist dabei eine Kommunikation  der Mitarbeitenden in Präventionsprojekten mit den Kindern und Jugendlichen sowie deren Eltern auf Augenhöhe.

Besondere Bedeutung kommt dem Vorbild der Eltern zu, weshalb hier Kompetenzen gestärkt werden müssen, Eltern sie an ihre Kinder weitergeben können. Dies gilt fürs Kochen mit frischen Zutaten genauso wie für Bewegung an der frischen Luft z.B. beim Fahrradfahren oder Fußballspielen.

2. Gesundheitsförderung und die damit verbundenen Interventionen müssen auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen

Projekte und Programme müssen interdisziplinäre aufgestellt sein und wissenschaftlich evaluiert werden. Der nachgewiesene Zusammenhang zwischen sozialem Status und Gesundheitszustand muss genauer analysiert werden und in die gezielte Prävention einfließen.

3. Die primärärztlichen Strukturen müssen besser genutzt werden

Kinder- und Jugendärzten, Allgemeinmedizinern und Gynäkologen, also den sogenannten Primärärzten, kommen eine besondere Bedeutung zu, weil sie als erste Ansprechpartner der betroffenen Familien ein hohes Ansehen genießen. Kooperationen von Arztpraxen mit Angeboten der Jugendhilfe, wie sie in einigen Städten bereits erfolgreich durchgeführt werden, sollen zur Regelversorgung werden. Vorsorgeuntersuchungen (U-Untersuchungen) sollen ausgeweitet und verständlicher für Eltern, Kinder und Jugendliche werden.

4. Die Praxis der Gesundheitsförderung muss über Systemgrenzen hinweg integriert und in den Regelstrukturen verankert werden

Die peb spricht sich dafür aus, dass Synergien besser genutzt und Programme verstetigt werden. Zeitlich begrenzte Projekte greifen z.B. bei Adipositas nicht, weil es sich dabei um eine chronische Erkrankung handelt, bei der die Betroffenen langfristig begleitet werden müssen. Laut peb können Maßnahmen nur dann nachhaltig greifen, wenn sie in den Regelstrukturen des Sozial-, Bildungs- und Gesundheitssystems und in den Kommunen verankert sind.

5. Kitas und Schulen müssen ihrer Verantwortung gerecht werden

Länder und Kommunen sind aufgerufen, die Ausstattung von Kitas und Schulen als Orte für alle sozialen Schichten gesundheitsfördernd zu gestalten (Vorbildfunktion in den Bereichen Ernährung, Bewegung, digitale Medien, Erholungs- und Ruhezeiten). Gesundheitsbildung und das Vermitteln von Alltagskompetenzen in Kitas und Schulen sollen gestärkt werden und Eltern mit einbeziehen.

6. Kommunen sind der beste Ort für eine bedarfsgerechte Gesundheitsförderung

An ihrem Wohnort sind Eltern, Kinder und Jugendliche für verhaltens- und verhältnispräventive Angebote am besten zu erreichen. Wichtig sind dauerhafte Kooperationen und ausreichende Ressourcen für die Zusammenarbeit im lokalen Raum. Bei der Entwicklung von Programmen sollten neben Fachleuten auch die angesprochenen Bevölkerungsgruppen und wichtige Multiplikatorinnen und Multiplikatoren frühzeitig eingebunden werden.

peb-Kongress 2021: Praxisbeispiele

Ende Februar 2021 veranstaltete die peb den digitalen Kongress „Abgehängt im Präventionsdilemma? Wie kann die Übergewichtsprävention für Kinder und Jugendliche aus Familien mit niedrigem sozio-ökonomischen Status besser gelingen?“. Unter anderem stellten Akteurinnen und Akteure aus dem Präventionsumfeld Modellprojekte und Programme vor. Hier einige Beispiele aus dem Themenblock „Was leisten erfolgreiche Praxisprojekte – und wo liegen ihre Grenzen?“

NRW Modellprojekt soziale Prävention in der Kinder- und Jugendarztpraxis

PD Dr. Burkhard Rodeck, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V. (DGKJ)

Die Ideen hinter diesem verhaltenspräventiven Projekt besteht darin, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kinder- und Jugendhilfe direkt in Kinderarztpraxen zu integrieren. So könne die Ärztin oder der Arzt z.B. aus Anlass der Vorsorgeuntersuchungen (U-Untersuchungen) mittels eines Fragebogens den Beratungsbedarf genauer feststellen und weitere Hilfen vorschlagen (Lotsenfunktion).

Die Eltern eines übergewichtigen Kindes etwa könnten sich ohne großen Aufwand direkt vor Ort von der Jugendhilfe beraten lassen. Das Angebot kam bei den betroffenen Eltern sehr gut an. Laut Rodeck konnten 80 Prozent der betroffenen Eltern in die Beratung weitergeleitet werden.

Der Abschlussbericht des NRW-Modellprojekts zum Herunterladen

GeMuKi

Laura Lorenz, Institut für Gesundheitsökonomie und klinische Epidemiologie, Universität Köln

Das Projekt „Gemeinsam gesund: Vorsorge plus für Mutter und Kind“ (GeMuKi) stärkt die fachübergreifende Gesundheitsberatung für Schwangere und junge Eltern. Ziel ist die Förderung der Gesundheit in den ersten 1.000 Tagen eines Kindes. Beratungen zu gesunder Ernährung, Bewegung und allgemeiner Gesundheitsvorsorge erfolgen bei Vorsorgeterminen von Schwangeren, Müttern und Kindern durch Ärztinnen und Ärzte sowie Hebammen. In den 10 Studienregionen in Baden-Württemberg können sich Schwangere ab der 12. Woche für die Teilnahme am Projekt bewerben. Näheres dazu finden Sie auf der Website (s.u.)
Hintergrund: Der Beratungsbedarf ist hoch, denn in Deutschland zeigen laut Lorenz über die Hälfte aller Schwangeren eine Gewichtszunahme oberhalb der empfohlenen 10 bis 12 Kilogramm je nach Ursprungsgewicht. Damit steigt das Risiko für Adipositas bei Kindern und Müttern.

Das oben erwähnte Präventionsdilemma spielt in diesem Zusammenhang eine große Rolle. Besonders bedürftige Gruppen sind mit einer Reihe weiterer Belastungsfaktoren konfrontiert und schwerer mit einem Präventionsangebot zu erreichen. Zudem ist die schwierige Ansprache von Müttern aus sozial benachteiligten Gruppen für Ärztinnen und Ärzte sowie Hebammen deutlich zeitaufwendiger.

Mehr Informationen im Internetauftritt der peb

MiMi Initiative „MiMi – mit Migranten für Migranten“. Die Gesundheitsinitiative Deutschland

Dipl.-Sozialwissenschaftler Ramazan Salman, Geschäftsführer des Ethno-Medizinischen Zentrum e.V. (EMZ) mit Sitz in Hannover

Die MiMi-Initiative unterstützt Menschen mit Migrationshintergrund durch Lotsen und Mediatoren. Laut dem Gründer der Initiative Ramazan Salman helfen Prävention und Gesundheitsförderung aktiv bei der Integration von Migrantinnen und Migranten.

Die Gesundheitsinitiative bietet deshalb Multiplikatoren-Schulungen für Interessierte sowie mehrsprachige Infoveranstaltungen an, um Menschen mit Migrationshintergrund auf Augenhöhe abzuholen und für Vertrauen zu werben. Themen sind zum Beispiel der hohe Zucker-Verbrauch oder der Bewegungsmangel, der vielerorts herrscht. Ziel ist es auch, Migranten über Möglichkeiten und Ansprüche der öffentlichen Gesundheitsvorsorge in Deutschland zu informieren und damit Barrieren abzubauen.

Mehr dazu auf der Website der MiMi-Initiative
Zum Herunterladen und Nachlesen

Grünau bewegt sich – gemeinwesenoriertierte Gesundheitsförderung für Kinder

Dr. Ulrike Igel, Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) Leizig

Ziel des Projektes "Grünau bewegt sich" ist es, durch bedarfsgerechte, dem Stadtteil und der Zielgruppe angemessene Interventionen die Gesundheitschancen von Kindern und Jugendlichen im Leipziger Stadtteil Grünau nachhaltig zu verbessern. Das Projekt verfolgt einen theoriegeleiteten hauptsächlich verhältnispräventiven Ansatz, der in besonderer Weise auf die bestehenden Strukturen, Ressourcen und Risiken im Stadtteil eingeht.

Ulrike Igel verantwortet seit 2015 die Evaluation des Projekts. Wichtig ist ihr insbesondere, dass Projekte auf Dauer angelegt sind. „Projekte brauchen viel Zeit, um Vertrauen aufzubauen. Stadtteile wie Grünau haben schon viele Projekte durchrollen sehen.“, so die Sozialpädagogin. Zudem dürfen Bedürftigkeiten und Angebote nicht von oben herab definiert werden. Maßnahmen müssen vor Ort unter Beteiligung der sozial benachteiligten Kinder und Familien geplant und umgesetzt werden.

Das Projekt „Grünau bewegt sich“ trägt das IN FORM Partner-Logo. Mehr dazu in der Projektdatenbank

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